STUBE Rheinland - Pfalz / Saarland
Seminar-Berichte
"Was nichts kostet, ist nichts wert - oder vielleicht doch?"

Freie Software - Chance für sich entwickelnde Länder?

1.-3.7. 2005, ESG u. KHG Kaiserslautern

Seit 2001 beschäftigt sich das Lokalkomitee von STUBE (Studienbegleitprogramm für ausländische Studierende) Kaiserslautern mit den Möglichkeiten von „Freier Software“. In unserem ersten, im Jahr 2001 veranstalteten Seminar, stellte sich heraus, daß die meisten der anwesenden ausländischen Studierenden wenig bis nichts über die Angebote freier Software und ihre Entwicklungspolitische Relevanz wussten. Außerdem merkten wir, dass insbesondere bei Afrikanern eine tiefe Skepsis bestand, ob etwas Kostenloses, wirklich gut sein konnte. Der Vorwurf, wir wollten sie mit etwas Minderwertigem an Software und unserem "Hardware-Schrott" abspeisen, wurde immer wieder laut. Demgegenüber bestand seitens der lateinamerikanischen und chinesischen Studierenden eine große Aufgeschlossenheit. Interessant für das STUBE-Programm war die Bemerkung eines Studenten aus Kamerun, der sich sehr von Linux angetan zeigte: „Das ist wohl genauso wie bei STUBE - das glaubt doch keiner, dass das etwas Gescheites ist, wenn es umsonst ist.“

Auf der Basis der folgenden Thesen, die im Verlauf unseres ersten Seminars entwickelt wurden, beschlossen wir weitere Seminare zum Themenkreis „Freie Software für sich entwickelnde Länder „ anzubieten, um möglichst vielen ausländischen Studierenden die Idee der Freien Software zu vermitteln.

1.Ökonomische Aspekte

-Freie Software ist kostenlos

- Hilft, die (Import-)kosten zu reduzieren.

- Kein Abgleiten in die Illegalität nötig.

- Eine CD kann in einem ganzen Land installiert werden.

- Niemand hat ein Interesse an der finanziellen Ausbeutung.

- Freie Software ist legal

- Es drohen keine Sanktionen - auch wenn sich Erfolg einstellt.

- Support wird von den EntwicklerInnen gestellt.

2. Kulturelle Aspekte

- Freie Software ist änderbar:

- Ermöglicht die Einbeziehung der eigenen Kultur, indem Anpassungen an den Programmen vorge-nommen werden können.

- Ermöglicht die Erweiterung um Features, die ursprünglich nicht enthalten sind (Unterstützung von speziellen Schriften und/oder Sprachen).

- Anpassungen an Landespezifika können in einer eigenen Distribution zusammengefaßt werden.

- Übersetzungen können im Zielland vorgenommen werden.

- Freie Software ist quelloffen

- Die Quellen können studiert werden und es kann aus ihnen gelernt werden.

- Software kann keine vorborgenen Hintertüren enthalten.

3. Technische Aspekte

- Freie Software schont Ressourcen

- Schon mit einfachen Mitteln kann freie Software sinnvoll eingesetzt werden.

- In den Industrieländern weitgehend veraltete und daher billige oder sogar kostenlose Hardware kann sinnvoll eingesetzt werden.

- Aber auch einfache moderne Computer können sinnvoll eingesetzt werden.

- Mit freier Software ist es leicht möglich, mehrere Arbeitsplätze an einen Computer zu hängen.

- Freie Software ermöglicht Vernetzung

- Der Aufbau von Netzen bzw. Internet ist mit freier Software besonders einfach und zuverlässig.

- Netze lassen sich mit einfachsten Mitteln aufbauen (UUCP) - unabhängig von staatlichen oder priva-ten Betreibern.

- Vernetzung ist sogar ohne Leitungen über Radio möglich.

- Web-Präsenz ist machbar und ermöglicht die weltweite Präsentation der eigenen Community.

- Interne Kommunikation über eMail wird möglich und einfach - auch über Mailing-Listen.

4. Politische Aspekte

- Freie Software ist international

- EntwicklerInnen aus den sog. Entwicklungsländern können auf gleicher Augenhöhe mit denen in In-dustrieländern kommunizieren.

- Vernetzung zwischen Entwicklungsländern mit ähnlichen Problemstellungen ist möglich.

- Freie Software macht unabhängig

 Schnell merkten wir aber, dass wir in der Veranstaltung von Seminaren nicht nur bei der Theorie stehen bleiben durften, sondern insbesondere auch unter Beweis stellen wollten, dass unsere Thesen wirklich stimmten. Ganz besonders im Hinblick auf die anfängliche Meinung der afrikanischen Studierenden, dass nichts taugen könne, was nichts kostet, starteten wir das Projekt „Computer für Kamerun“. Es folgten heiße und lautstarke Debatten mit den kamerunischen Studierenden wie man das angehen könne und besonders wo die Computer (von denen wir noch keinen einzigen hatten) dann in Kamerun zum Einsatz kommen sollten. Danach begannen wir mit der Sammlung alter PC`s um diese zu einem Linux-Pool aufzubauen. Bald stellte sich jedoch heraus, dass viele der Geräte bzw ihrer Bauteile zu alt und nicht Linux-kompatibel waren. Mancher edle Spender hatte uns schlichtweg auch seinen Computerschrott angedreht. Wir erarbeiteten also eine Liste mit Systemvoraussetzungen und begannen erneut mit der Sammlung. Diesmal mit größerem Erfolg. Bis zum Jahresende 2004 entstand so ein Rechnerpool mit 15 gebrauchstüchtigen Arbeitsplätzen. Etwa 20 Studierende aus Kamerun arbeiteten von 2002 bis 2005 am Projekt mit. Im Frühjahr 2005 erwarben wir noch 15 gebrauchte Monitore und einen gebrauchten Server. Im Spätsommer war es dann endlich so weit, dass die komplette Anlage den Weg nach Kamerun antreten konnte.

Über das STUBE-BPSA-Programm (Förderung von Praktikumsaufenthalten im Heimatland) wurde für einen unserer Informatiker im Oktober/November 2005 eine Heimreise finanziert, die dazu diente, die Geräte bei unserem Partner in Kamerun zu installieren und das dortige Personal in den Betrieb der Anlage einzuweisen.

Am 7. November 2005 war es dann soweit, unser Mitarbeiter traf in der Pfarrei Christ König in Tsinga/Yaunde ein. Zu seiner Überraschung waren alle Geräte komplett und in gutem Zustand bereits eingetroffen, nur der zur Vernetzung der Rechner notwendige Switch fehlte. Auch ein Raum im Pfarrzentrum war bereits vorbereitet. So konnte die Arbeit jetzt zügig beginnen. Nach dem Aufbau der Rechner stellte sich heraus, dass beim Transport doch einige Schaden genommen hatten. Nach einigen Umbauarbeiten und Neuinstallationen funktionierten noch 14 der 15 verschickten Rechner und Monitore. Um die Probleme einiger Rechner mit der schwankenden Netzspannung zu lösen, baute ein einheimischer Elektriker noch einen Spannungsstabilisator ein. Spät in der Nacht vor der geplanten Einweihungsfeier war dann endlich alles fertig und betriebsbereit.

In den Wochen nach der Einweihung wurden noch zwei einheimische Mitarbeiter der Pfarrei in den Betrieb der Anlage eingewiesen. In Zukunft sollen auf dem Rechnerpool Einführungs-Kurse für Jugendliche und Erwachsene im Umgang mit Computern und Textverarbeitung stattfinden.

Im Januar 2006 feierte das STUBE-Lokalkomitee Kaiserslautern den erfolgreichen Abschluß des Projektes in der Katholischen Hochschulgemeinde, dabei erhielten alle beteiligten Studierenden auch eine Urkunde, die ihre Teilnahme am Projekt bestätigt. Es war ein langer Weg der allen Beteiligten großes Durchhaltevermögen abverlangt hat, aber einer, der uns gezeigt hat, dass auch Dinge, die nichts kosten etwas wert sein können.

Gemeindereferent Guido König

KHG Kaiserslautern

 
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